Sonntag, 6. Januar 2019

Sonntag in Pondicherry

Neuer Tag, und es geht mir besser, wenn ich mich auch immer noch sehr viel schneuze. Pondicherry gefällt mir gut - das französische Viertel, an dessen Rand wir wohnen, ist verkehrsberuhigt und schattig, und es gibt hier viele schöne Häuser. Die Bewohner scheinen insgesamt moderner zu sein. Man sieht selbstbewusste Frauen mit kurzen Haaren und westlicher Kleidung, die Stimmung ist aufgeschlossen. Im Park wurden wir heute von einer Inderin angesprochen, anders als sonst so oft wollte sie kein Selfie mit uns machen, sondern einfach nur fragen, was es im “Naturhaus” zu sehen gab. Plötzlich war unsere Hautfarbe kein Thema - ein angenehmes Gefühl. Ich bin in der Früh zum “Kofi”-Stand gegangen und habe Kaffee in einem kleinen Keramikbecher getrunken. Dann fragte ich einen jungen Mann, was in der gelben Milch war, die in einem großen Topf vor sich hinköchelte. “Peanut powder” und Safran, bekam ich als Antwort. Natürlich möchte ich das noch probieren, bevor wir morgen wieder von hier wegfahren. 

Sitze gerade in neuen indischen Klamotten auf dem Bett und trinke einen Ingwerkaffee, den ich gestern in einem Gesundheitsshop gekauft habe, der zwar keinen Kaffee enthält, aber sehr viele Gewürze, die hoffentlich meine Erkältung endgültig vertreiben helfen. Wir waren am Vormittag im Botanischen Garten, in der Gesellschaft von vielen Familien mit Kindern und werdenden Ehepaaren, die hier von professionellen Fotografen mit riesigen Kameras ihre Verlobungsfotos machen ließen, in verrückten und vor allem romantischen Posen. Jüngere Liebespaare zogen sich in entlegenere Ecken des Parks zurück. Ich wurde zu einer Yoga-Informationsveranstaltung gelotst, wo eine Inderin vor einer sehr kläglichen Schar von Zuhörern davon erzählte, wie sie eine schwere Erkrankung mit Hilfe von Yoga überwunden hatte. Zwar war ihr Englisch nicht leicht zu verstehen, aber ich klatschte immer mit den anderen ca. 12 Zuhörern, wenn ihre Erzählung wieder an einem Höhepunkt angelangt war. Dann setzte ich mich auf eine der Steinbänke und zeichnete ein wenig, und hinterher gingen wir noch den Lotusteich anschauen, der wie erwartet eine ziemlich trübe Suppe enthielt, allerdings aber tatsächlich auch eine kleine Ansammlung von Lotusblumen. In der buddhistischen Tradition ist der Lotus ein Symbol für Reinheit und Schönheit, die aus dem trübsten Schlamm hervorwächst - so gesehen hatte schon alles seine Richtigkeit.

Nach dem Frühstück machten wir übrigens einen Ausflug zur Papiermanufaktur des Sri Aurobindo Ashrams (der ganz in der Nähe von unserem Hotel liegt). Leider wurde am Sonntag dort nicht gearbeitet, aber der Shop war geöffnet, und ich kaufte einige große Bögen handgefertigtes und -gefärbtes Papier, von denen mir schon noch einfallen wird, was ich damit anstellen kann. Ich liebe Papier und alles was aus Papier gemacht ist!

(Später)

Wir schlossen den Tag mit einem Spaziergang zum Sri Aurobindo Ashram, einem weiteren Besuch der “Kofi”-Bar und einen Rundgang in einer Grünanlage ab, nachdem wir uns auch kurz die Kathedrale der unbefleckten Maria angeschaut hatten, in der gerade ein katholischer Gottesdienst stattfand. 

Im Sri Aurobindo Ashram (man wird vor dem Betreten aufgefordert, seine Schuhe abzugeben und sein Handy auszuschalten) herrschte eine angenehme Stille. Die Besucher gehen an der Grabstätte (“Samadhi” genannt) von Sri Aurobindo vorbei, berühren den Blumenschmuck auf der marmornen Grabplatte, führen die Hand zur Stirn oder zum Herzen, manche gehen in die Knie und sitzen eine Weile mit gefalteten Händen da. Westler und Inder sind vertreten, und viele setzen sich hinterher in dem Innenhof irgendwo hin und meditieren. Mir ist diese Art von Devotion (leider?) fremd, ich fühle mich eher wie eine Zuschauerin, wenn ich auch die Stille und die andächtige Stimmung genoss, und der Steinboden war mir auch schnell zu hart (ich habe heute ziemliche Schmerzen in der Hüfte gehabt).

In der “Kofi”-Bar war derselbe Mann hinter der Theke wie heute Morgen. Mit ständig gleichen Bewegungen spült er die Keramikbecher mit heißem Wasser aus, mischt heiße Milch mit Zucker und gießt sie auf den schwarzen Kaffee, den er zuvor aus einer Metallkanne in die Becher gegossen hat. Am Schluss wird noch mit einem Spritzer Kaffee abgerundet, und man gibt seine Plastikmarke ab, die man zuvor an der Kasse gekauft hat. Für diesen lebendigen Mann habe ich viel mehr Bewunderung als für die Grabstätte eines heiligen Mannes.

Schließlich in der Grünanlage setzten wir uns auf eine Steinumrandung und schauten dem Treiben ein wenig zu. Ein kleiner Junge lief mit seinem blauen Ball vor uns auf und ab. Er hatte Schuhe an, die bei jedem Schritt quietschten wie eine Gummiente, und er traute sich immer nur auf ein paar Meter an uns heran, dann blieb er stehen und lief wieder weg, dabei quietschten seine Schuhe je nach Laufgeschwindigkeit schneller oder langsamer. Ein kleines Mädchen hatte Blumenschmuck in ihrem kurzen schwarzen Haar und trug einen rosa Tutu. Familien machten Selfies, junge Männer liefen verloren oder in kleinen Gruppen vorbei. 

Es ist, als gäbe es in Pondicherry viele Städte in einer Stadt, ganz davon abhängig wo man sich gerade befindet, aber das ist wohl in jeder größeren Stadt so. Wir kamen an Informationsständen der Yoga-Woche vorbei, liefen durch eine Markthalle mit vielen Essensständen. Mais wurde über dem Feuer von uralten Eisenöfen geröstet, man konnte Samosas kaufen, ein Bohnen-Kräuter-Gemisch und viele andere Gerichte.


Morgen geht es weiter nach Chidambaram - ein Pilgerort für Hindus, in vieler Hinsicht ein Extrem auf unserer Reise, ein Ort, den ich ein wenig fürchte, der mich aber auch fasziniert.

Samstag, 5. Januar 2019

Erkältet in Pondicherry

Sitze auf dem Steinfußboden unseres Hotelzimmerbalkons in Pondicherry, lasse mich von der Spätnachmittagsbrise (und vom Verkehrslärm) umwehen und tue mir leid, weil ich so erkältet bin.

Der gestrige Tag in Mamallapuram war außerdem - in meiner Wahrnehmung - ziemlich fürchterlich, und ich konnte deshalb schlecht einschlafen. Plötzlich kam mir nämlich Mamallapuram vor wie eine Art Minihölle, ein Ort, an dem die schlechtesten Eigenschaften der Menschen vergrößert und deutlich sichtbar werden. Verzweifelte Shopbesitzer, die ihre Existenzangst in wahnwitzige Preise umwandeln, Touristen, die eigentlich nur mal ihre Ruhe haben und einen guten Kaffee trinken wollen, und die Unmöglichkeit, einfach nur so mal das Hostel zu verlassen und herumzulaufen, ohne gleich angesprochen zu werden (“come look at my shop”). Ständig wird einem der Eindruck vermittelt, dass man ganz persönlich für die Existenz und die Familie der Verkäufer verantwortlich ist. Außerdem war da die Hitze, meine aufblühende Erkältung, und die Tatsache, dass in der Gruppe wirklich ein Shoppingwahn ausgebrochen war. Schon jetzt, nach einer Woche, gibt es haufenweise Extrataschen, die dann wieder im Bus untergebracht werden müssen. Dazu kommt das Wissen, dass wir uns alle ausnahmslos übers Ohr hauen lassen und dazu beitragen, dass im Dorf eine ökonomische Ungleichheit entsteht (diejenigen, die mit den Westlern Geschäfte machen und die anderen, die ihr indisches Leben leben, mit indischen Preisen und indischem Einkommen). Das ist eine totale Schieflage, und die Hysterie bei den Verkäufern ist dementsprechend. Typischerweise sind es die Männer, die sich am meisten in den Vordergrund drängen, die größten Profite machen, das meiste Trinkgeld absahnen. Mich ekelte unsere Rolle ehrlichgesagt ziemlich an. 

Selbst hatte ich mir beim Schneider zwei Hosen bestellt, nach einer Vorlage, die ich aus Schweden mitgebracht habe, aber schließlich musste ich gestern Abend feststellen, dass wieder ein typisch indischer Schnitzer unterlaufen ist - das Schnürband ist hinten anstelle von vorn, und die Beine sind unterschiedlich breit. Also versuchte ich heute Morgen den Ladenbesitzer, einen jungen, eifrigen Mann, der mir versprochen hatte, dass ich mit seiner Arbeit 101% zufrieden sein würde, ausfindig zu machen. Schließlich war nicht mehr genug Zeit übrig, um das Missgeschick auszubessern, und er schenkte mir eine andere Hose zum Ausgleich, womit ich eigentlich ziemlich zufrieden war (wenn auch erschöpft von der ganzen Aktion und auch ziemlich niedergeschlagen wegen der blöden Rolle, die wir hier spielen).

Gestern Abend haben wir uns noch ein paar Vorstellungen vom indischen Tanzfestival angeschaut (unter freiem Himmel, nach etwas indischem Fastfood). Entzückt beobachtete ich einen jungen indischen Mann, der total verliebt in seinen kleinen Welpen zu sein schien, der tolpatschig vor ihm herumwackelte. In einem Land, in dem die meisten Tiere auf ihre eigenen Überlebenskünste angewiesen sind, erscheint das schon fast wie ein kleines Wunder.

(Später)
Bin jetzt doch noch unerwartet in den Flow von Indien hineingekommen. Im AC-Restaurant des Hotels war es mir zu kalt. Also ging ich auf die Straße und fand nach einigen Metern einen Stand, wo ich Paroti (gebratenes gedrehtes Brot) mit Soße aß - die zwar nicht appetitlich aussah, aber um so besser schmeckte. Ich sass auf einem Plastikstuhl und aß mit der Hand von einem mit Papier belegten Teller. Die einzigen Kunden waren junge Männer, und man ließ mich völlig unbehelligt essen, fragte nur nach einer Weile zuvorkommend, ob ich vielleicht mehr Soße haben wollte. Für dieses Essen bezahlte ich umgerechnet ungefähr 30 Cent. Ich wusch mir die Hand mit dem Wasser, das auf dem Tisch stand und ging dann weiter zu einem Kiosk, an dem eine müde Frau saß und etwas auf eine Zeitungsseite kritzelte. Bei ihr bestellte ich ein Glas Tee, trank es im Stehen und beobachtete einen Rikshafahrer, der versonnen einen Hund kraulte. Auch diese Geste der Zuneigung berührte mich, im Hupkonzert des Abends. 

Bei diesen kleinen Erkundungstouren, die ich allein unternehme,  bin ich oft am glücklichsten. Und das Essen an einem solchen Straßenstand ziehe ich in den meisten Fällen dem Restaurantessen vor, bei dem drei oder vier Kellner sich um mich bemühen. 

Am Meer war ich heute auch, wo im Licht von starken Scheinwerfern Menschen auf den Ufersteinen saßen, aufs Meer blickten, oder sich auf der Uferpromenade fotografierten. An einem Stand wurde in kleinen Keramikbechern “Kofi” verkauft, und eine lange Schlange stand davor an. Ich versuchte, in einer “Apotheke” Papiertaschentücher zu kaufen, man bot mir aber stattdessen undefinierbare Tabletten an, die ich dann zum Verdruss des hilfsbereiten Verkäufers schließlich doch ablehnte.

Inzwischen wieder im Hotelzimmer, schniefend und mich schneuzend. Ich werde mir später noch den Malachit auf den Kopf legen, wie es mir der Klangheiler empfohlen hat - angeblich und hoffentlich fällt es mir dann leichter einzuschlafen.




Donnerstag, 3. Januar 2019

Tag der Prüfungen

Heute ist wieder mal der Tag der Prüfungen. Kleine, unbedeutende Prüfungen, aber trotzdem. Die letzte dieser Prüfungen war, dass der Text, den ich vor einer guten Stunde in „Joe`s Cafe“ verfasst habe, von meinem Handy verschwunden war, als ich es aus der Tasche holte (ich hatte vergessen, den Bildschirm zu deaktivieren und im Dunkeln der Tasche kam es wohl zu falschen Bewegungen, die den Text spurlos löschten).

Schlief in der Nacht schlecht, mit beginnender Erkältung und dem wohlbekannten Gefühl, dass mir mein Kopf zu eng ist, und wachte dann am Morgen schlecht gelaunt auf (noch schlechter gelaunt als erwartet). Kurze Meditation auf dem Balkon, Yoga im Zimmer und stiller Morgenspaziergang, dann Frühstück bei Saravana Bhawan (ein Masala Dosa - ein mit einem Kartoffelgemüse gefüllter Pfannkuchen aus fermentiertem Reisteig) und schließlich Aufbruch zum Dakshina Chitra, einem Freiluftmuseum, das wir nach einstündiger Rikshafahrt erreichten, bei der meine schlechte Laune sich zu potenzieren schien. Ich war bei der Ankunft so müde, dass ich mich erstmal auf einer Steinbank langlegte und etwa eine Stunde vor mich hindöste.

Seit dem ersten Januar gibt es in Tamil Nadu ein Verbot von Einweg-Plastikverpackungen, und im Dakshina Chitra wird der Besucher explizit dazu aufgefordert, sich keinen Plastikstrohhalm geben zu lassen. Die alte Frau, die grüne Kokosnüsse verkaufte, schlug mit ihrer Machete gekonnt eine Öffnung in meine Kokosnuss, so dass ich direkt daraus trinken konnte. Das Kokosnussfleisch ging an die magere Katze, die miauend über das Gelände lief. 

Die Plätze, die wir im Restaurant bestellt hatten, hatte man nicht für uns reserviert, und wir mussten (da wir keine Lust hatten, eine halbe Stunde zu warten) auf einen ungeputzten und ungelüfteten Raum ausweichen, wo ich erstmal alle gebrauchten Servietten vom Boden aufhob und die Fenster öffnete.

In Indien verehrt man eine Göttin - Kali -, deren Attribut unter anderem ein enormer (gerechter) Zorn ist. Heute spürte ich ganz deutlich, dass ich ein (nicht so kleines) Fitzelchen dieser Göttin in mir trage, aber das ist vielleicht auch ein Versuch, meinen inneren Vulkan schönzureden.  Ich dachte, dass die Stärke meiner Gefühle vielleicht damit zusammenhängt, dass ich gestern bei unserem Freund Ajaz ein Klanghealing bekommen habe, bei dem er feststellte, dass ich sehr müde und angespannt sei (und eine weitere Behandlung bräuchte, bei der er mir helfen würde). Dieses Klanghealing hat vielleicht die in mir angestaute Anstrengung und Anspannung der letzten Monate in Bewegung gebracht, und dass ich mich an einer heiklen Grenze entlang bewege, kann möglicherweise als ein gutes Zeichen gesehen werden. Es fühlt sich trotzdem nicht gut an. 

Während ich das schreibe, geht die Sonne unter. Eine Teilnehmerin hat sich heute Vormittag bei einem Sturz verletzt, und wir versuchten am Nachmittag, im Krankenhaus Hilfe zu bekommen, aber die Ärztin war nicht da. Es folgte ein recht fruchtloser Ausflug (beim ATM ging es nicht, Geld abzuheben, ein Teil der Kleider, die sie beim Schneider abholen wollte, waren noch nicht fertig), und wir haben jetzt vereinbart, später einen neuen Versuch im Krankenhaus zu unternehmen. 

Ich habe die Enttäuschung darüber, dass ich alles, was ich heute schon geschrieben habe, verloren habe, noch nicht überwunden. Es stinkt nach Mosquito Repellent. Überall scheinen gut gelaunte Menschen herumzusitzen, nur ich bin düster und schlecht drauf. Das Wunder, das ich mir insgeheim von Indien erhoffte habe, hat sich noch nicht eingestellt. Ich rechne in den schlaflosen Stunden mein Geld nach und mache mir Sorgen wegen meiner Zukunft. Ich fühle mich hartherzig und ertrage doch nicht den traurigen Anblick der Straßenköter, die von der Räude geplagt werden und teilweise auch andere Verletzungen haben, um die sich niemand schert. Es stört mich die Gleichgültigkeit der jungen Frauen hinter der Rezeption im „Krankenhaus“, die ihre Köpfe über einem Handy zusammenstecken und nur (scheinbar) widerwillig auf meine Fragen reagieren. Selbst meine Mitreisenden ertrage ich nur schlecht, fühle mich provoziert von ihrer ungehemmten Kauflust und von den seichten Gesprächen, die sich nicht selten um die letzten Käufe drehen. Ich kann mich selber nicht leiden, und als ich heute im Dakshina Chitra auf der Steinbank lag, war ich mir nicht sicher, dass ich irgendwann wieder die Kraft haben würde, mich von dort zu erheben. Ich habe es dann doch getan, und es ging. Es geht dann doch immer wieder. Und immer wieder passiert etwas, was mich wieder aufmuntert. Die Fürsorge von Ajaz zum Beispiel, der sich bereit erklärt, auch mit ins Krankenhaus zu kommen und uns dort beizustehen. Die Freundlichkeit von P, die mit einem Omelette vorbeikommt, das sie wortlos vor mir auf dem Tisch abstellt. Die warme Brise des Abends. Und immer wieder die Freundlichkeit der Inder, die eine Bresche in meinen Gefühldschungel schlägt. 




Mittwoch, 2. Januar 2019

Joe’s Coffee

Sitze jetzt gerade im „Joe`s Coffee“ gegenüber von unserem „Siva Guesthouse“ und trinke einen Cappuccino, einer der Luxusmomente in Indien, die mit einem leichten Schuldgefühl verknüpft sind. Der Morgen begann damit, dass ich auf dem Handy im Guardian las, dass Frauen in Kerala eine 630km lange Kette gebildet haben, um gegen den „Tempelbann“ zu protestieren, der von Hindu-Nationalisten für Frauen im menstruierenden Alter (zwischen 10 und 50 Jahren) für einen Tempel in Kerala erklärt worden ist. Ich schreibe das hier gerade mit meinem Handy und einer externen Tastatur und kann deshalb momentan nicht nachschauen, wie der Tempel heißt und wie der Gott, dem er gewidmet ist und dem die Hindu-Nationalisten zuschreiben, dass er ein zölibatäres Leben gelebt hat, was der Grund dafür sein soll, die Frauen aus dem Tempel zu verbannen. 

Wenn ich mich in manchen Momenten frage, was der Sinn einer solchen Reise ist, wie wir sie gerade machen, so kann ich eigentlich nur darauf kommen, dass es die menschlichen Begegnungen sind. Z.B. mit den jungen Frauen vom YWCA, die am Tag überall auf dem Gelände des Wohnheims verstreut zu sehen waren, über ihre Bücher und Hefte gebeugt (später erfuhren wir, dass sie Medizin studieren und sich auf ein Abschlussexamen vorbereiteten). Am Silvesterabend kamen sie zu unserer Gruppe, als wir in der Dunkelheit hinter dem Hotel auf einem großen betonierten Platz tanzten, und nachdem sie eine Weile zugeschaut hatten, fragten sie, ob sie mitmachen könnten. Immer wieder kamen zwei oder drei von ihnen, tanzten mit uns, bedankten sich und verabschiedeten sich dann wieder, und dann kamen zwei oder drei neue. Wunderbare junge offene, intelligente Frauen mit einem Leuchten in ihren Augen. Nachdem wir mit unseren Tänzen fertig waren, brachten sie uns einen traditionellen Tanz bei, bei dem sie ziemlich viel Spaß daran hatten, sich so viele Improvisationen wie möglich auszudenken. Danach war „Party Time“, und wir tanzten zu einer Art Bollywood-Musik und Bewegungen, die sie vorgaben und die wir so gut wie möglich nachzuahmen versuchten. 

Die zwei jungen Männer von Joe`s Cafe spielen gerade Musik von ihren Handys, und es fällt mir schwer mich zu konzentrieren. Überhaupt fällt es mir schwer, in den Blog reinzukommen. Fast kann ich mich nach den Zeiten sehnen, in denen ich mich in einen Internet Point setzen musste, um dort eine Stunde zu schreiben, nur umgeben vom Geräusch der raschelnden Tastaturen und vielleicht des Ventilators an der Decke und möglicherweise des Verkehrslärms, der von der Straße hereinkam. Die Zerstreuungen sind auch in Indien allgegenwärtig. 

Heute früh, als wir einen stillen Morgenspaziergang machten und dann vor dem Durgatempel eine Bewegungsmeditation machten, bekamen wir bald Gesellschaft von einer Inderin, die sich in unseren Kreis einreihte und ihre eigenen Bewegungen machte. Als wir fertig waren, fragte sie, ob wir etwas singen könnten und stimmte das Lied „Gentille Alouette“ an, das wahrscheinlich auf das Konto der zahlreichen französischen Touristen ging, die Mamallapuram besuchen und bei dem wir so gut wie uns möglich war, mitsangen, dabei ihre Schritte und Armbewegungen imitierend, unter den amüsierten Blicken anderer Bewohner der Straße. 

Gestern war Neujahrstag, und das Dorf kochte, wenigstens auf der Hauptstraße. Zahlreiche Besucher aus der Umgebung waren unterwegs, zu Fuß, mit Motorrädern, mit dem Auto, und ich hatte Mühe, vorwärts zu kommen. Am Abend hatte sich das schon beruhigt, und wie immer ist Mamallapuram ein interessantes Beispiel für das, was der Reiseführer „Backpackistan“ nennt, mit Cafes, in denen kein einziger Inder zu finden ist und in denen man nicht nur Cappuccino bekommt, sondern auch Müsli und Pfannkuchen, mit Läden, vor denen die Besitzer mit freundlichem und resignierten Lächeln versuchen, eine Beziehung zu etablieren, die die Touristen dazu bringt, ihr Geschäft zumindest zu betreten, mit Straßenhändlern, die versuchen, ihren billigen Schmuck loszuwerden, indem sie an das Mitleid der Besucher appellieren. 

Auf der Skateboard-Bahn für Mädchen saßen am Morgen die Fischer und flickten ihre Netze. In dem Cafe, in dem ich sitze, bin ich nicht die einzige Weiße, die an ihrem Blog bastelt. „Nice Computer“, sagte der Kellner, als er meine leere Tasse abholte, und lachte mir im Weggehen zu. 


Schluss für heute. Ich hoffe, dass ich jetzt endlich einen Anfang gefunden habe für meinen Blog. Ich habe vor, mich täglich eine Stunde lang irgendwo hinzusetzen und zu schreiben. 

Dienstag, 6. November 2018

Der erste Tag in Indien

Der erste Tag in Indien geht zu Ende, ich sitze auf meinem Bett im YWCA in Chennai, der Ventilator läuft leise an der Zimmerdecke, draußen ist es dunkel, wir warten aufs Abendessen, und ich versuche, die Eindrücke der ersten 24 Stunden zu sammeln und außerdem irgendwie mit dem Blog in Gang zu kommen.

Den gestrigen Nachmittag verbrachte ich schlafend auf meinem Bett, weil ich noch an der nächtlichen Flugreise und der Zeitverschiebung herumknabberte (es ist hier viereinhalb Stunden später als in Deutschland). Das Hotel ist mir von früheren Besuchen vertraut und auch die Weihnachtsdekoration im Garten - große beleuchtete Weihnachtssterne, die in den Bäumen hängen. Ich kenne noch das Personal an der Rezeption, und ich erinnere mich daran, wie das Essen hier schmeckt. Das abendliche Büffet ist vegetarisch, zum Frühstück bekommt man Idlis (gedämpfte Reiskuchen) oder Wadas (frittierte Ringe aus Reis- und Linsenmehl) mit verschiedenen Soßen, Toast mit Butter, die in kleinen handlichen Stücken in einer Schale mit kaltem Wasser schwimmt, Papaya und gekochte Eier, und man kann zwischen indischem Tee und indischem Kaffee wählen.

Es ist etwas Besonderes, zu einem Ort immer wieder zurückzukehren. Selbst das Zimmer, in dem wir wohnen, ist mir noch von früher vertraut. Der schönste Augenblick nach der Ankunft: im Bad den Eimer mit warmem Wasser füllen und es sich dann mit einer Kanne übergießen: Bucket shower!

Die Fahrt mit dem Taxi vom Flughafen zum Hotel ist immer ernüchternd. Die Hässlichkeit der Stadt, der Verkehr, vermüllte oder aufgerissene Gehsteige, ein dichter Smog in der Luft. Im Reiseführer steht, dass das Beste an Chennai die Menschen sind, die hier wohnen, und aus meiner Erfahrung kann ich das nur bestätigen. Die Begegnungen sind herzlich und warm, und während in Delhi Freundlichkeit mit einem Hintergedanken (Bakshish) verbunden zu sein scheint, kommt sie mir hier echt vor.

Wir haben heute eine große Tour durch die Stadt gemacht und alles abgeklappert, was der Reiseführer so empfiehlt. Da ich schon oft in Chennai gewesen bin, war für mich kaum was Neues dabei, aber es sind ja die unerwarteten Dinge, die passieren, die Begegnungen, zu denen es kommt, die das eigentlich Interessante sind.

Meine Reaktion, als wir im staatlichen Museum die Bronzefiguren anschauen, die in staubigen Vitrinen vor sich hinstarren: „Wenn ich hier einen Tag arbeiten würde, dann würde ich erst einmal putzen.“ Die Treppe zwischen den Stockwerken der Cholabronzen-Sammlung ist unglaublich dreckig. In einem Saal schiebt ein Museumswächter, der ein großes Handtuch über seine Schultern gelegt hat, den Schmutz ein wenig mit seiner Schuhspitze zusammen und stellt dann einen Stuhl vor das Dreckhäufchen, um der Optik willen.

Auf dem Museumsgelände verfallende Gebäude, streunende Hunde. In den Bäumen hängen riesenhafte Fledermäuse. Frauen laufen in der typischen gebückten Körperhaltung herum und fegen den Boden mit einem Reisigbesen.

Weiter zur Kirche St.Thomas. Sonntagsgottesdienst. In der Krypta, in der angeblich der Apostel Thomas beigesetzt ist), ist gerade eine Hochzeit im Gange, mit Keyboard, schmalzigem Gesang und einem Priester mit schnitziger Sonnenbrille zum fußlangen weißen Gewand.

Eine Frau aus unserer Gruppe wird vor der Weihnachtskrippe (mit Figuren in wirklichkeitstreuer Größe) beklaut, nachdem sie einer Bettlerin etwas Geld gegeben hat, aber zum Glück ist “nur” Geld in ihrer Börse gewesen.

Im der AC-Abteilung des Saravan Bhavan (Restaurant) sind wir die einzigen Gäste, und die Kellner beobachten amüsiert, wie wir uns von unserem Chauffeur erklären lassen, in welcher Reihenfolge wir die kleinen Schälchen unseres Tali auf das Bananenblatt leeren sollen.

Ein Besuch am Marina Beach, Freude und Unbeschwertheit pur. Handangetriebene Karussells oder "moderne", die sich mit Hilfe eines tuckernden Motors drehen, während der Betreiber sich gelangweilt an die Mittelsäule lehnt. Die Kinder klammern sich an die Eisenstangen, die bunt bemalten Holzpferde (einigen fehlen die Beine) fliegen waagrecht durch die Luft.

Ausgelassen laufen die Menschen in das warme Meerwasser, Junge und Alte. Die Strömung ist stark und man kann deshalb nicht schwimmen. Manche wagen sich trotzdem weiter hinaus, in voller Bekleidung. Patschnasse junge Männer halten einander an den Händen, Mütter umklammern die schmalen Oberarme ihrer Kinder mit einem festen Griff und genießen selber die Kraft der Wellen, die sie beinahe umwirft. Alte Frauen stehen bis zur Taille im Wasser. Eltern sitzen am Strand, ihre Kinder im Auge.

Zuckerwattenverkäufer, selber noch Halbwüchsige, klingeln unablässig mit der Fahrradglocke, die an dem Stecken befestigt ist, an dem die pinkfarbene Zuckerwatte in Zellophantüten hängt.

Auch ich stehe bis zu den Knien im Wasser, ohne mich darum zu scheren, dass das Wasser an meinen Hosenbeinen nach oben zieht.